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Richard Bruse – Auszubildender zum Informatikkaufmann am Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin

Richard BruseRichard besitzt aufgrund einer Atrophie des Sehnervs nur noch 30% seiner Sehstärke. Zur Ausbildung beim Berufsbildungswerk ist er auf einigen Umwegen gelangt – und kann so gut einschätzen, was den Weg in den Beruf für Jugendliche mit Behinderung leichter macht.

Interview:

Richard, erzähl uns doch bitte ein bisschen was über deinen Weg zum Informatikkaufmann hier im ALBBW. Seit wann hat dir deine Sehschwäche zu schaffen gemacht, und was hat das für deinen Berufsweg bedeutet?

RB: Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich zumindest eine eingeschränkte Sehfähigkeit habe. Seit der dritten Klasse hatte ich eine Brille. Davor ist es nicht aufgefallen. Ich hab mich damit bis zur 10. Klasse irgendwie durchgekämpft.
Ich habe in der ersten Reihe gesessen, es ging mehr schlecht als recht, aber ich dachte nicht, dass ich ernsthaft sehbehindert bin. Vom Stoff her kam ich gut durch, aber ich konnte eben schlecht von der Tafel lesen. Ich weiß nicht mehr, wie es ging, aber es ging irgendwie. Erst als ich meine erste Lehre als Elektroniker für Betriebstechnik abbrechen musste, wurde es wirklich klar, dass ich sehbehindert bin. Das kam vorher gar nicht so raus.

Das heißt, du kamst aus der Realschule und hast dich normal um einen Ausbildungsplatz beworben.

RB: Mein Zensurenschnitt war eher mittelmäßig, aber ich habe von allen Firmen Zusagen bekommen. Am Anfang hat alles direkt geklappt. Dann habe ich als Azubi im Betrieb gearbeitet, und es wurde nach und nach schwieriger: Als Elektroniker musste ich zum Beispiel die Schaltpläne für die verschiedenen Maschinen ziemlich dicht vor mein Gesicht halten, um sie zu entziffern. Das war sehr anstrengend und ist den Leuten da irgendwann aufgefallen. Ich habe auch eine Schwäche in der Farbwahrnehmung und kann rot und grün nicht mehr unterscheiden …

… was natürlich ein Knock-Out-Kriterium für Elektroniker ist …

RB: … genau, wegen der farblichen Kennzeichnung von Kabeln und Schaltplänen. Der Betriebsarzt hatte das bei der Voruntersuchung gar nicht diagnostiziert. Am Ende wurde ich ziemlich schnell rausgeworfen, und dann stand ich ohne Lehrstelle da. Aus meiner Sicht konnte ich alles machen, aber ich hatte eben die Diagnose, dass ich nicht Farben sehen kann. Ob ich selbst meinte, ich fühl mich gut oder ich kann das verantworten, das hat dann nicht mehr gezählt. Ich bin leider arglos in die Situation reingelaufen und dachte, die würden mir sagen, wenn es ein Problem gibt. Ich hab mich halt gefreut, dass ich ´ne Ausbildung hatte.

„Aus meiner Sicht konnte ich alles, aber wegen meiner Diagnose durfte ich nicht.“

Wie bist du mit dieser schwierigen Situation umgegangen?

RB: Das war schon ein Schock. Drei Monate war ich erst mal zu Hause und hab nicht gewusst, was ich machen soll: Ich durfte kein Praktikum machen und habe mich dann entschieden, ein Freiwilliges Soziales Jahr beim DRK-Blutspendedienst in Neubrandenburg zu absolvieren. Das FSJ ist unabhängig von der Arbeitsagentur durch die EU gefördert, und das hat funktioniert.

„Wenn man in der Luft hängt, sollte man unbedingt etwas Sinnvolles machen.“

Ist das eine empfehlenswerte Strategie, oder war das ein verschenktes halbes Jahr, weil es ja nicht direkt zur Ausbildung gehört?

RB: Nein, das war ein super halbes Jahr. Wenn man in der Luft hängt, ist es enorm wichtig, einfach morgens aufzustehen und etwas zu tun zu haben, unter Leute zu kommen und was Sinnvolles zu machen.

Ist dann Hilfe von außen gekommen, durch die Reha-Beratung oder etwas Ähnliches?

RB: Die Diagnose, dass ich sehbehindert bin, hat für mich zunächst nichts geändert. Ich hatte dann eben den Behindertenschein. Weiter kam da zunächst nichts, von Amts wegen. Ich war nicht behindert genug, um in eine Rehamaßnahme zu kommen, und zu behindert, um meinen Beruf zu lernen.
Glücklicherweise hat sich meine Mutter sehr engagiert, ist von Amt zu Amt gelaufen und hat mich mitgenommen zu einer Blindenschule. Wir haben uns dort beraten lassen. Ich hatte den Wunsch, Informatik zu lernen, und deshalb haben sie mich nach Marburg an die Deutsche Blindenstudienanstalt verwiesen. Dort war ich dann zu einer Arbeitserprobung. Das ist so etwas wie ein Assessment für ein bestimmtes Berufsbild. Ich hätte dort auch direkt meine Ausbildung machen können. Aber das wollte ich nicht, weil die Leute dort wirklich blind sind – alle, auch die Lehrer, und ich war der einzige Sehende in einem Raum voller Blinder.

Dir sieht man es nicht an, dass du ein Problem mit deinen Augen hast.

RB: Meine Augen an sind ja auch völlig in Ordnung. Ich habe so etwas wie einen Schwund des Sehnervs, und leider gibt es dafür weder eine Therapie noch Rehabilitation.
Die BLISTA kam als Ausbildungsort also für mich nicht in Frage. Sie haben mich zu Siemens geschickt nach München, wo damals ein Modellprojekt zur Ausbildung behinderter Jugendlicher starten sollte. Ich sollte mir aussuchen, ob ich nach München oder nach Berlin will, in Berlin sagte man mir dann aber, dass sie seit Jahren schon nicht mehr ausbilden im Informatikbereich.
Der Tipp mit dem ALBBW kam dann von einem Kollegen bei Siemens. Ich hab mir gedacht, ich mach hier die Ausbildung und geh dann zu Siemens, und möglicherweise unterstützen die mich, weil sie mich ursprünglich ja haben wollten.

Das heißt, dein Ausbildungsweg war von vielen Zufällen bestimmt – du hast irgendwo mit jemandem gesprochen, der irgendwo noch jemanden kannte …

RB: Ja, das war von Zufällen geprägt, und dadurch, dass wir uns selber gekümmert haben. Ich war halt auf der „Blindenschiene“, und dementsprechend waren die Empfehlungen, die zum Beispiel von der Arbeitsagentur kamen. Bestimmte Alternativen waren gar nicht bekannt, das musste ich dann raussuchen und nachweisen, dass die Ausbildung dort gleichwertig ist.

Beschreib doch bitte mal das Berufsbildungswerk als Ausbildungsort im Gegensatz zur klassischen dualen Ausbildung!

RB: Das ist im Grunde das Gleiche in grün, nur an einem anderen Ort. Ich wohne direkt 200 Meter entfernt von hier, und muss quasi nur rüber laufen, und hier habe ich meine Ausbildung und eine Etage darüber meine Berufsschule. Ausbildung und Berufsschule sind aber wie sonst auch getrennt, und ich bekomme den ganz regulären Facharbeiterbrief. Ich kann mich am Ende auf jede ausgeschriebene Stelle für einen Informatikkaufmann bewerben, und mein Arbeitsplatz würde von der Arbeitsagentur mit den Hilfsmitteln eingerichtet werden, so wie er hier ausgestattet ist.

Macht dir die Ausbildung Spaß? Ist es fachlich das, was du dir vorgestellt hast?

RB: Aber ja, ich trauere dem Elektroniker nicht mehr hinterher. Ich freue mich, hier zu sein, ganz offen, wo alle wissen, dass ich sehbehindert bin. Ich habe meine Ausstattung für den Arbeitsplatz hier und fühle mich wohl. Die Toleranz in der Gruppe ist auf jeden Fall höher. In der Schule war ich der Einzige, der nicht „normal“ war, und hier haben halt alle irgendetwas.
Ich habe letztens hier einen kompletten Rechner selbst zusammengebaut – und er funktioniert. Ich trau mir alles zu, und es läuft auch. So lange ich meine unterstützende Technik habe, und die habe ich mir auch selbst am Arbeitsplatz aufgebaut, wäre es im Grunde egal, wo ich lerne – ob im Berufsbildungswerk oder im Betrieb.

„Ob im Berufsbildungswerk oder im Betrieb – mit Hilfe der richtigen Technik zur Unterstützung trau ich mir alles zu.“

Hast du Empfehlungen für junge Menschen in deiner Situation? Etwas, was du Arbeitgebern gern mit auf dem Weg geben würdest?

RB: Ich hätte es einfach früher wissen müssen. Rückblickend hätte ich wohl viel eher um eine Diagnose ersuchen müssen. Aber das ist auch nicht so einfach. Man will ja nicht wahrhaben, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.
Auf jeden Fall macht es einem die Dinge einfacher, wenn man sich nicht einem „Normal“-Maßstab anpassen muss, sondern Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. Das ist aber eine sehr persönliche Sache, die jeder für sich realisieren muss.

Wir danken Richard Bruse und dem Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin für das Gespräch.
Interview: Bettina Busse