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Sabine Prill – Auszubildende zur Fachinformatikerin für Systemintegration bei der Deutschen Rentenversicherung Bund

Sabine PrillSabine kann wegen Taubheit auf einem Ohr bei Hintergrundlärm schwer hören, und durch eine Rückgratverkrümmung nicht über lange Zeit auf starren Stühlen sitzen.
Im Interview erzählt sie uns, was Fachinformatiker lernen, und warum man mit offenen Gesprächen viel erreichen kann.

Interview:

Sabine, wie bist du auf die Idee gekommen, es mit der Informatik zu versuchen?

SP: Ich habe ohnehin immer ziemlich viel Zeit am Rechner verbracht, und irgendwann habe ich es nicht mehr eingesehen, viel Geld für einen neuen Rechner auszugeben, und habe dann eben angefangen, selber zu basteln.
Mit meiner Beraterin bei der Arbeitsagentur habe ich überlegt, was an Berufen für mich in Frage kommt, und viel ist da von vornherein rausgefallen: langes Stehen, schweres Heben, das kam nicht in Frage. Wir haben uns dann gefragt, was kann ich, was mache ich eigentlich gerne, und haben von dort aus weiter eingegrenzt. Anwendungsentwicklung fand ich auch interessant, aber ich bin dann doch eher so der Typ Bastler mit dem Schraubenzieher.

Stichwort Schraubenzieher: Was macht man als Fachinformatiker Systemintegration eigentlich genau?

„Man muss die technische Seite beherrschen, aber auch Kundenservice machen.“

SP: Am Computer sitzen gehört natürlich dazu; aber die beruflichen Möglichkeiten sind extrem weit gefächert: Die Einen kümmern sich um spezielle Serveranlagen, also von der Software her alles einzurichten, zu installieren, am Laufen zu halten; die Nächsten sind dann eher diejenigen, die die Rechner zusammenbauen, die Arbeitsplätze warten und dort dann schauen, dass alles funktioniert. Dazu gehört auch alles zwischen Kunde und Server, die Verteilerstationen müssen geplant, eingerichtet und gewartet werden. Man muss gleichzeitig diese technische Seite beherrschen, aber auch Kundenservice machen oder eine Webseite programmieren.

Wir machen solche komplexen Projekte auch schon in der Ausbildung. Da kommen ganz praktische Anfragen aus einzelnen Abteilungen, so dass wir die Möglichkeit haben, da was auszuprobieren. Eben „learning by doing“! Erst letztens haben wir eine komplette Webseite gebaut, von der Einrichtung des Servers bis zum letzten Pixel.
So etwas kann auch schon mal fünf Wochen dauern; dazu will dann noch die Dokumentation geschrieben werden, das Ganze soll möglichst anwenderfreundlich sein, gerade wenn die Kunden sagen: „Wir haben keine Ahnung davon, macht uns das Ganze so, dass es einfach zu bedienen ist.“ Technische Details für Laien verständlich machen, da hab ich auch ein besonderes Talent dafür. Ich habe dazu den Vorteil, dass ich zuvor im Einzelhandel schon eine Ausbildung in einem sehr kundenorientierten Bereich gemacht habe.

Kannst du ein bisschen die Kooperation schildern zwischen Ausbildungsbetrieb und Berufsschule?

SP: Zwei Wochen sind wir im Betrieb und dann eine Woche in der Berufsschule. Das ist in einzelnen Betrieben auch unterschiedlich; wir haben hier den Vorteil, dass wir im Betrieb nochmal viele Seminare haben, wo wir geschult werden zu bestimmten Themengebieten. Dazu kommen Praxiszeiten, wie vorhin schon beschrieben, wo wir auch längerfristige Projekte durchführen.

Was für unterstützende Angebote bekommst du für deine gesundheitlichen Einschränkungen?

„Schwerbehindertenvertretung und Betriebsarzt waren eine große Hilfe.“

SP: Ich habe hier bei der DRV einen Spezialstuhl, den ich leider in der Berufsschule nicht benutzen kann – den Stuhl bekomme ich von der Kasse nicht zweimal, wir müssten ihn also jedes Mal wochenweise rübertransportieren.
Da wir 29 in der Klasse sind und es da schon mal etwas laut wird, habe ich die Möglichkeit, mich bei Lärm woanders hinzusetzen, um da in Ruhe meine Aufgaben zu erledigen. Das ist nicht die ideale Lösung, aber es geht.
Bei mir hat sich das Verfahren zur Anerkennung der Schwerbehinderung leider ein ganzes Jahr hingezogen; die Schwerbehindertenvertretung hier im Haus hat mich dabei sehr aktiv beraten und konnte viel klären, und der Betriebsarzt war eine große Hilfe. Wie füllt man bestimmte Anträge aus, wo gibt es Hilfeleistungen, all die Detailfragen, die über den Merkzettel vom Versorgungsamt hinausgehen.

Was denkst du: Ist eine Informatikausbildung besonders geeignet für Jugendliche mit schweren Behinderungen?

SP: Das würde ich schwer behaupten! Die ganze Sparte ist spannend, und man hat die Möglichkeit, je nachdem, welche Einschränkungen da sind, sich was Passendes auszusuchen. Jemand, der nicht schwer heben kann, wird beispielsweise keine Server durch die Gegend tragen, aber einrichten kann er sie. Hier wird auch sehr darauf geachtet, dass alles an Arbeitsmaterialien barrierefrei gestaltet ist und die Arbeitsplätze dementsprechend eingerichtet sind. Wenn man es braucht, kann man Schreibzeitverlängerungen bekommen und die Ausbildung zeitlich etwas strecken, aber in meinem Falle gebe ich die Arbeiten meistens eher früher ab!
Die Ausbildung bringt manchmal Durststrecken mit sich, wo es sehr theoretisch wird, aber wir machen auch so viel, was man praktisch anwenden kann. Es ist so vielfältig, da ist eigentlich für jeden was dabei.

Irgendwelche Tipps für andere in deiner Situation?

„Man muss sich auch trauen, zu sagen: So funktioniert das nicht.“

SP: Das wichtigste ist meiner Meinung nach Kommunikation! Ausbilder sollten konkret nachfragen, denn die Situation ist je nach Behinderung so verschieden, dass es keine Patentrezepte gibt. Hilfe anbieten, möglichst unbürokratisch, individuell und flexibel.
Und von Seiten des Azubis her hilft es natürlich dem Betrieb, wenn er was Konkretes über die Probleme erfährt, auch wenn das sehr persönlich ist und deshalb anfangs schwer fällt. Es hilft nichts, ein halbes Jahr mit Rückenschmerzen dazusitzen, weil man mit den Stühlen nicht klarkommt. Da muss man sich trauen, zu sagen: „So funktioniert das nicht“. Und manchmal sind es nur Kleinigkeiten – eine andere Birne in der Schreibtischlampe, Sonderregelungen bei Pausenzeiten -, mit denen man extrem viel erreichen kann.

Wir danken Sabine Prill, der Deutschen Rentenversicherung und dem Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnologie für das Gespräch.
Interview: Bettina Busse